Autor: Dietrich Fischer

Online teilnehmen

Dietrich Fischer, der in der Schweiz geboren und aufgewachsen war, ist Professor für Computer-Wissenschaften an der „Pace University“. Er ist der Autor mehrerer Bücher über nukleare Themen, nicht-militärische Aspekte der Sicherheit und Bedingungen für Frieden. Er hat Vorträge über Frieden und Sicherheit in über 10 Ländern gehalten. Er ist Co-Direktor von TRANSCEND, einem Netzwerk für Frieden und Entwicklung.

Englisch:

The Power of Ideas

Deutsch:

Die Kraft von Ideen

Bunsen Gymnasium, Heidelberg:
Mathias Grez, Alexander Asmussen, Robert Bartram, Nikolai Dienerowitz
Fachliche Unterstützung:

When Johan Galtung, the Norwegian who is widely regarded as the founder of peace research, founded the first International Peace Research Institute in Oslo in 1959, he and his colleagues sent copies of their working papers to about 400 institutes around the world, including the Institute for World Economy and International Relations (IMEMO) in Moscow. They received acknowledgements from many places, but never heard anything from IMEMO. It was as if the papers disappeared into a black hole, leaving no trace. Despite this lack of feedback, the members of the Oslo team persistently kept sending their papers on alternative approaches to peace, security and development to IMEMO throughout the 1960s and 1970s.

Als der Norweger Johan Galtung, der weithin als Gründer von „Peace Research“ betrachtet wird, im Jahre 1959 das erste „Internationale Friedensforschungsinstitut (International Peace Research Institute)“ in Oslo gründete, schickten er und seine Kollegen Kopien von ihren Arbeitsdokumenten an ca. 400 Institute in aller Welt, einschließlich dem Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen („Institute for World Economy and International Relations, I.M.E.M.O“) in Moskau. Sie erhielten Danksagungen von vielen Stellen, aber sie hörten nie etwas von der IMEMO. Es war, als ob die Briefe in einem schwarzen Loch verschwunden wären und keine Spuren hinterlassen hatten. Trotz dieser fehlenden Rückmeldung schickten die Mitglieder des Teams in Oslo hartnäckig weiterhin durch die sechziger und siebziger Jahre hindurch ihre Dokumente über alternative Ansätze für Frieden, Sicherheit und Entwicklung an die IMEMO.

1) In 1979, Johan Galtung attended a conference at IMEMO. During a break, the librarian took him to the library in the basement, opened a locked room, opened a locked cabinet inside the room, and showed him a pile of papers. Here was the entire collection of papers that he and his friends had been sending over the years. This was the “black hole.” Surprisingly, the papers were worn out from having passed through many hands, edges bent and torn, with portions underlined and numerous notes in the margins.1) Im Jahre 1979 wohnte Johan Galtung eine Konferenz der IMEMO bei. Während einer Pause brachte ihn der Bibliothekar in die Bibliothek im Keller, öffnete einen verschlossenen Raum, öffnete einen verschlossenen Schrank in dem Raum und zeigte ihm einen Stapel von Dokumenten. Hier befand sich die gesamte Sammlung der Dokumente, die er und seine Freunde die ganzen Jahre über geschickt hatten. Dies war das „schwarze Loch“. Überraschenderweise waren die Dokumente abgenutzt, da sie durch viele Hände gegangen waren; die Ecken waren krumm und gerissen, vieles war unterstrichen und zahlreiche Notizen waren an den Rand geschrieben worden.
2) In 1991, Vladimir Petrovski, the Soviet Deputy Foreign Minister, came to see Johan Galtung in Oslo and said, “I really wanted to tell you once how grateful we were for all your papers that you kept sending us. During the Brezhnev era, I was part of a group of young scholars at IMEMO who met frequently to discuss new ideas, and we studied your books and papers intensively, among others. We knew that our system needed reform, and that the time for change was coming. You provided us with valuable new concepts and concrete ideas how to proceed.”2) Im Jahre 1991 kam Vladimir Petrovski, der sowjetische Stellvertreter des Außenministers, zu J.G. nach Oslo und sagte: „ Ich wollte Ihnen wirklich einmal sagen, wie dankbar wir für alle Dokumente waren, die Sie uns immer wieder zugeschickt haben. Während der Brezhnev Ära war ich ein Teil einer Gruppe von jungen Gelehrten in der IMEMO, die sich ständig trafen, um neue Ideen zu besprechen. Wir studierten unter anderem Ihre Bücher und Dokumente sehr sorgfältig. Wir wussten, dass unser System reformbedürftig war, und dass die Zeit für Veränderungen im Kommen war. Sie lieferten uns wertvolle neue Konzepte und konkrete Ideen, wie weiter zu verfahren war.“
3) The end of the Cold War has many sources, but new ideas developed by Western peace movements — on human rights, economic and political participation, nonviolent conflict resolution, security based on mutual cooperation instead of threats and confrontation, conversion of military industries to civilian use, and non-offensive defence — which seeped into the former Soviet Union through various discrete channels and apparently found receptive ears, have played an important role.3) Das Ende des kalten Krieges hat viele Gründe, aber neue Vorstellungen, die von westlichen Friedensbewegungen entwickelt wurden - über Menschenrechte, wirtschaftliche und politische Mitbestimmung, friedliche Konfliktlösungen, Sicherheit basierend auf einer gegenseitigen Zusammenarbeit anstatt Bedrohungen und Konfrontationen, Umwandlung militärischer Industrie zu ziviler Nutzung, und einer Verteidigung, die nicht offensiv ist -, und in die frühere Sowjetunion durch verschieden geheime Kanäle sickerten und offenbar Gehör fanden, haben eine wichtige Rolle gespielt.
4) Can individuals make a difference for the course of history, or are their efforts insignificant compared to major trends, like the movement of a single molecule in the wind? It is clear that if a situation is not ripe for change, if nobody wants to hear new proposals, one individual can make little difference. But if people are unhappy with their present conditions and search for new ways, a good idea, persuasively argued, can go a long way. 4) Können Individuen den Verlauf der Geschichte verändern, oder sind ihre Anstrengungen unbedeutend verglichen mit den Haupttrends, wie die Bewegung eines einzelnen Moleküls im Wind? Folgendes ist klar: Wenn eine Situation nicht reif für eine Veränderung ist, wenn niemand neue Vorschläge hören will, dann kann ein Individuum nur wenig bewirken. Aber wenn Menschen unzufrieden mit ihren momentanen Verhältnissen sind und neue Wege suchen, kann eine gute Idee, überzeugend vorgetragen, lange überdauern.
5) Yet even when an opportunity for major change arises, someone must seize it or it may be missed. Similarly, if one plants a fruit tree in the desert, it will die. But even in the most fertile soil, under the best climatic conditions, only thorns may grow unless we plant something better. And we never know for sure whether an apparent desert may not hide fertile ground just below the surface, in which one seed can over time give rise to a whole forest. Even if we do not see the results of our efforts for peace immediately, we should not give up, because they may bear fruit some day in unexpected ways. 5) Doch selbst wenn sich eine Gelegenheit für eine größere Veränderung auftut, muss sie jemand anpacken, oder sie wird sonst vielleicht verpasst. Das ist ähnlich wie mit einem Obstbaum: Wenn ihn jemand in die Wüste pflanzt wird er sterben. Aber sogar in der besten Erde, unter den besten klimatischen Bedingungen, können nur Dornen wachsen, wenn wir nicht etwas Besseres pflanzen. Und wir wissen nie sicher, ob eine scheinbare Wüste nicht direkt unter ihrer Oberfläche fruchtbaren Boden versteckt, in der ein Samen über die Zeit hinweg zu einem ganzen Wald anwachsen könnte. Selbst wenn wir die Ergebnisse unserer Anstrengungen für den Frieden nicht sofort sehen, sollten wir nicht aufgeben, weil sie vielleicht einmal ganz unerwartet Früchte tragen können.
6) A soft-spoken, retired couple from Troy, New York, had the great satisfaction to see their effort bear fruit within a short time span. In 1994 Sue and Marvin Clark founded a small organisation they called Global Demilitarization and soon took a crucial step that led to the complete abolition of the army of the island of Haiti in the Carribean. Haiti had been a brutal dictatorship and its army was feared. The military had violently overthrown a democratically elected government and arbitrarily arrested, tortured and murdered many Haitian citizens. 6) Ein leise sprechendes, pensioniertes Ehepaar aus Troy, New York, hatte die große Befriedigung ihre Bemühungen innerhalb eines kurzen Zeitabschnitts Früchte tragen zu sehen. Im Jahre 1994 gründeten Sue und Marvin Clark eine kleine Organisation, die sie „Weltweite Entmilitarisierung“ nannten, und sie machten einen entscheidenden Schritt, der zur totalen Abschaffung der Armee auf der Insel Haiti in der Karibik führte. Haiti war eine brutale Diktatur und seine Armee war gefürchtet. Das Militär hatte gewaltsam eine demokratisch gewählte Regierung gestürzt und hatte viele Einwohner Haitis willkürlich eingesperrt, gefoltert und getötet.
7) In February 1995 Sue and Marvin Clark were able to meet in New York with Oscar Arias Sanchez, the former President of Costa Rica, who had won the Nobel Peace Prize for his role in ending the war in Nicaragua. They asked him what country he thought might be the next to follow Costa Rica’s example and abolish its military.7) Im Februar des Jahre 1995 war es Sue und Marvin Clark möglich, den ehemaligen Präsidenten Costa Ricas in New York zu treffen, der für seine Rolle, die er bei der Beendigung des Krieges in Nicaragua gespielt hatte, den Nobelpreis gewonnen hatte. Sie fragten ihn, welches Land seines Erachtens möglicherweise dem Beispiel Costa Rica als Nächstes folge und sein Militär abschaffe.
8) Arias suggested Haiti, since most Haitians saw their army threatening their personal security rather than protecting them from aggression. From informal conversations with many ordinary Haitians, he estimated that about 80 percent wished the army were abolished. He was disappointed that nobody seemed to pay attention to his findings, but was convinced that if an internationally recognized polling firm could confirm his impressions, the world would notice. This would cost about $20,000, and he did not have that money.8) Arias nannte Haiti, da die meisten Haitianer sahen, wie ihre Armee ihre persönliche Sicherheit mehr bedrohte als sie sie vor Angriffen schützten. Aus inoffiziellen Gesprächen mit vielen gewöhnlichen Haitianern erwuchs seine Annahme, dass ungefähr 80% sich wünschten, dass die Armee abgeschafft wäre. Er war enttäuscht, dass anscheinend niemand seinen Erkenntnissen Aufmerksamkeit schenkte, aber er war davon überzeugt, dass die Welt davon Kenntnis nehmen würde, wenn ein international anerkanntes Institut für Meinungsforschung seine Eindrücke bestätigen könne. Das würde ungefähr 20.000 US-Dollar kosten, und er hatte nicht so viel Geld.
9) When Sue and Marvin Clark heard this, they wrote to all their friends and friends of friends, sending out about thousand letters, explaining this opportunity and asking for donations. Within a few weeks, they raised $27,000 and sent it to the Arias Foundation for Peace and Human Progress, and soon the poll was conducted.9) Als Sue und Marvin Clark das hörten, schrieben sie allen ihren Freunden und Freunden von Freunden, verschickten ungefähr 1000 Briefe, erklärten ihnen diese Gelegenheit und baten um Spenden. Innerhalb weniger Wochen erhielten sie 27.000 US-Dollar und schickten sie der Arias Foundation for Peace and Human Progress, und bald wurde die Umfrage durchgeführt.
10) At a news conference in Port-au-Prince on April 28, 1995, Oscar Arias could announce that 62 percent of the Haitian people wished to abolish the army, and only 12 percent wished to keep it, with the rest expressing no opinion. When President Aristide heard this, he stepped to the microphone and spontaneously announced, in front of the assembled military leadership, that given the clear wish of the majority of his people, he herewith declared the army abolished!10) Am 28. April 1995 konnte Oscar Arias bei einer News-Konferenz in Port-au-Prince verkünden, dass 62% der Haitianer die Armee gerne abschaffen würden, und dass nur 12% sie behalten wollten, während der Rest keine Meinung abgab. Als Präsident Aristide das hörte, trat er ans Mikrofon und kündigte vor der versammelten militärischen Führung spontan an, dass er gemäß des ausdrücklichen Wunsches der Mehrheit seines Volkes die Armee hiermit für abgeschafft erkläre.
11) The international media almost totally ignored this important event. But when President Aristide was asked on a nationally televised interview in the United States after the election of his successor what he considered his greatest achievement during his term in office, he said abolishing the Haitian military.11) Fast alle Medien ignorierten dieses wichtige Ereignis. Aber als Präsident Aristide nach der Wahl seines Nachfolgers in einem landesweit ausgestrahlten Interview in den USA gefragt wurde, was er als seinen größten Erfolg während seiner Amtszeit erachte, gab er die Abschaffung des haitianischen Militärs zur Antwort.
12) It is impressive how much difference the efforts of individuals can make. Not even the U.S. Navy was able to abolish Haiti’s army. Who would have thought that two individuals, without power or wealth, would succeed in this, simply by talking to the right people and taking the right action at the right time? If we have a dream and pursue it step by step, never giving up, we can ultimately reach it.12) Es ist beeindruckend, was die Anstrengungen einzelner Personen bewirken können. Nicht einmal die US-Navy war fähig, Haitis Armee abzuschaffen. Wer hätte gedacht, dass zwei Menschen ohne Macht oder Reichtum hierbei Erfolg haben würden, einfach indem sie zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten redeten und das Richtige taten? Wenn wir einen Traum haben und ihn Schritt für Schritt verfolgen, ohne jemals aufzugeben, können wir ihn letztendlich erreichen.

Online teilnehmen