Autor: Jostein Gaarder

Online teilnehmen

Jostein Gaarder ist ein Roman- und Sachbuchautor aus Norwegen. Sein bekanntestes Buch, Sophies Welt (1991), machte in Romanform die Geschichte der Philosophie für heutige Menschen interessant, und wurde zu einem unerreichten Bestseller, der in 43 Sprachen übersetzt und über 17 Millionen mal verkauft worden ist.

Englisch:

We are all Actors

Deutsch:

Wir sind alle Akteure

Kurfürst Friedrich Gymnasium, Heidelberg:
Frederik Just, Eva Klages, Samira Santak, Charlotte Wohlfarth, Nadja Burckhardt
Fachliche Unterstützung:

Two centuries ago, Immanuel Kant pointed out that it was an essential moral imperative for all countries to join forces in a league of nations, which would have responsibility for ensuring a peacefu1 co-existence between the nations. The German philosopher may thus be regarded as the godfather of the UN idea and the 1948 United Nations Universal Declaration of Human Rights. And there are indeed reasons to mark this occasion, quite simply because human rights must still be defended against brutal violations and injustices. The only difference is that for over fifty years, we have had an institution and an instrument to defend some basic human rights.

Bereits vor zweihundert Jahren zeigte Immanuel Kant auf, dass es für alle Länder eine moralische Verpflichtung sei, die Mächte in einem Bündnis von Nationen zu verbinden, das die Verantwortung haben solle für die friedliche Koexistenz zwischen den Völkern. Aus diesem Grunde darf der deutsche Philosoph als Taufpate der Idee der Vereinten Nationen und der Erklärung der Universellen Menschenrechte der Vereinten Nationen angesehen werden.

Und es gibt in der Tat Gründe, dieses Ereignis zu beachten, ganz einfach deshalb, weil die Menschenrechte nach wie vor gegen brutale Verletzungen und Ungerechtigkeiten verteidigt werden müssen. Der einzige Unterschied ist, dass wir seit über fünfzig Jahren eine Institution und ein Instrument haben, einige menschliche Grundrechte zu verteidigen.

1) Every single day we see examples of how vital it is to have certain rules that all states have to respect, without regard to culture and borders. Without such norms it would be impossible to make people stand trial for war crimes, for suppression of an individual’s freedom or for crimes against humanity. Some universal restrictions have been established to define the extent of an individual’s freedom or for crimes against humanity. Some universal restrictions have been established to define the extent of what can be define the extent of what can be regarded as the individual government’s private or internal affairs.1) Jeden Tag sehen wir, wie lebensnotwendig es ist, gewisse Regeln zu haben, die alle Staaten zu respektieren haben, ohne Rücksicht auf ihre Kultur und Grenzen. Ohne solche Normen wäre es unmöglich, dass Menschen wegen Kriegsverbrechen, der Unterdrückung der Freiheit eines Individuums oder wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wären. Einige allgemeine Einschränkungen wurden getroffen, um den Umfang dessen zu definieren, was als private oder innere Angelegenheiten einer einzelnen Regierung betrachtet werden kann.
2) Perhaps “The Universal Declaration of Human Rights” represents the greatest achievement of philosophy so far, as the human rights were not given us by the gods. Neither were they plucked out of thin air. They represent — so far — the end of a thousand-year old maturing process. The very concept of man’s “natural rights” has had a long and diverse history of development — which is telling of mankind’s gradual development from tyranny and arbitrariness towards freedom and humanity. And history has not ended. Mankind is still slowly proceeding.2) Vielleicht repräsentiert die „Erklärung der Universellen Menschenrechte“ die bisher größte Errungenschaft der Philosophie, da uns die Menschenrechte nicht von den Göttern gegeben worden sind. Ebenso wenig sind sie aus dünner Luft gepflückt worden. Sie stellen – bis jetzt – das Ende eines tausendjährigen reifenden Prozesses dar. Das eigentliche Konzept von den Naturrechten der Menschen hatte eine lange und wechselhafte Entwicklungsgeschichte, die von der schrittweisen Entwicklung der Menschheit von Tyrannei und Wildheit hin zu Freiheit und Menschlichkeit erzählt. Und die Geschichte ist nicht vorbei. Die Menschheit schreitet immer noch langsam voran.
3) The question before a new millennium is how long we can go on talking about rights without focusing on the indidividual’s responsibility as well. We need a new universal declaration. The time has come for a Universal Declaration of Human Obligations. It simply does not make sense any longer to talk about rights without talking about obligations of the individual as well as of the state. As with a large family: First you have a number of obligations regarding personal conduct. And then the individual family member may draw attention to the fact that she or he also has certain rights. There are hundreds of organisations in the world today taking care of people’s rights, and only a handful taking care of human obligations.3) Die Frage vor dem neuen Jahrtausend ist, wie lange wir weiter über Rechte sprechen können, ohne auch auf die Verantwortung des Einzelnen einzugehen. Wir brauchen eine neue, allgemein gültige Erklärung. Es ist Zeit für eine "Allgemein Gültige Erklärung der Menschlichen Pflichten". Es hat einfach keinen Sinn mehr, über Rechte zu sprechen, ohne auf die Pflichten sowohl des Einzelnen als auch des Staates einzugehen. Wie in einer großen Familie: Zunächst gibt es eine Anzahl von Pflichten, die das persönliche Verhalten betreffen. Und dann kann das einzelne Familienmitglied darauf aufmerksam machen, dass es auch gewisse Rechte besitzt. Es gibt heute in der Welt Hunderte von Organisationen, die sich um die Rechte der Menschen kümmern, und nur eine Hand voll, die sich um menschliche Pflichten kümmert.
4) Although the very first result may have been too meager and not sufficient, the Kyoto Agreement of last year represents a foretaste of what needs to be conquerred of supranational obligations in connection with safeguarding the environment, the world’s resources, and a sustainable foundation for human and animal life.4) Obwohl das allererste Ergebnis zu dürftig und unzureichend ausgefallen sein mag, bietet das Kyoto-Protokoll des vergangenen Jahres eine Vorgeschmack auf das, was an supranationalen Pflichten in Bezug auf den Schutz der Umwelt, der Erdressourcen und einer tragfähigen Basis des Mensch- und Tierlebens erreicht werden muss.
5) II. An important basis for all ethics has been the “Golden Rule”: “Do unto others as you would have them to do unto you.” Immanuel Kant emphasised — or defined more precisely — this mutuality principle by pointing out that the right course of action is the one we would wish that all other persons would take in a similar situation Two hundred years after Kant we are perhaps beginning to accustom ourselves to the fact that this mutuality principle has to be applied to the relationship between rich and poor countries. The new lesson to learn is that it must also include the relationship between generatins. 5) II. Eine wichtige Basis aller Ethiken ist die "Goldene Regel": "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andren zu." Immanuel Kant betonte - oder genauer: definierte - dieses Prinzip der Gegenseitigkeit, indem er darauf hinwies, dass der richtige Handlungsweg derjenige ist, von dem wir uns wünschen, dass ihn jeder andere in einer ähnlichen Situation betritt. Zweihundert Jahre nach Kant gewöhnen wir uns vielleicht allmählich daran, dass dieses Prinzip der Gegenseitigkeit auf das Verhältnis zwischen reichen und armen Ländern angewendet werden muss. Die neue Lektion, die wir lernen müssen, ist, dass es auch das Verhältnis zwischen den Generationen einbeziehen muss.
6) The question is: Would we have wanted people who lived on this planet before us — one hundred, one thousand or one hundred thousand years ago — to have deposited huge quantities of nuclear waste on the sea bottom or in caves and mountain crevices? If not, we have no right to do the same. It comes down to simple arithmetic. Or to put it another way: How much does it cost to hire a security guard for half a million years? And who pays the bill? Or: How many geologists would dare to guarantee plutonium-free playgrounds for the next hundred thousand years? Or: Who is going to clean up after the party?6) Die Frage ist: Hätten wir gewollt, dass diejenigen, die vor uns diesen Planeten bevölkert haben - ob vor hundert, tausend, oder hunderttausend Jahren - riesige Mengen an Nuklearabfall auf dem Meeresboden oder in Höhlen und Felsspalten abgelagert hätten? Wenn nicht, dann haben wir nicht das Recht, genau das zu tun. Letztendlich ist es eine einfache Rechnung. Oder anders gesagt: Wie viel kostet es, einen Sicherheitsmann für eine halbe Million Jahre zu einzustellen? Und wer bezahlt die Rechnung? Oder: Wie viele Geologen würden es wagen, Plutonium-freie Spielplätze für die nächsten hunderttausend Jahre zu garantieren? Oder: Wer räumt nach der Party auf?
7) The question is: Would we have wanted past generations to fell more trees and rain forests? Would we have preferred our ancestors to have driven more plant and animal species into extinction? If not, we are committed to preserving biological diversity. It is not at all certain that Kant would have accepted our soaring consumption of non-recyclable energy resources. We must first assure ourselves that we would have wanted our forefathers to have burned as much coal and oil per capita as we do. “We are the first generation that is affecting the earth’s climate and the last generation that does not have to pay the price for our actions.7) Die Frage ist: Hätten wir gewollt, dass frühere Generationen mehr Bäume und Regenwälder gefällt hätten? Hätten wir uns gewünscht, dass unsere Vorfahren noch mehr Pflanzen- und Tierarten ausgerottet hätten? Wenn nicht, sind wir dazu verpflichtet, die biologische Vielfalt zu erhalten. Man kann nicht einfach davon ausgehen, dass Kant unseren rasant steigenden Verbrauch nicht erneuerbarer Energiequellen gebilligt hätte. Wir müssen uns zuerst versichern, dass wir gewollt hätten, dass unsere Vorfahren pro Kopf soviel Kohle und Öl verbrannt hätten, wie wir es tun. Wir sind die erste Generation, die das Klima der Erde beeinflusst, und die letzte Generation, die nicht den Preis unserer Taten zahlen muss.
8) It has been pointed out that planet Earth is not our property. We have not inherited this planet from our ancestors. We are borrowing it from our descendants. But we are leaving behind a globe less worth than the one we borrowed. Thus, we are eating into capital which should actually be paid back with interest. How will our descendants judge us? Will they hate us?8) Man hat darauf hingewiesen, dass der Planet Erde nicht unser Besitz ist. Wir haben diesen Planeten nicht von unseren Vorfahren geerbt. Wir leihen ihn uns von unseren Nachkommen. Aber wir hinterlassen eine Welt, die weniger wert ist als die, die wir uns geliehen haben. Folglich verbrauchen wir Kapital, das eigentlich mit Zinsen zurückgezahlt werden sollte. Wie werden unsere Nachkommen uns beurteilen? Werden sie uns hassen?
9) Another moral philosopher (John Rawls) attempted to say something about a just society with the following example: Imagine being a member of a distinguished council with the task of making all the laws for a future society. The members of the council would have to consider every single detail, because as soon as they had reached an agreement — and everybody had signed the laws — they would all drop dead. But they would instantly wake up again in the society they had legislated for. The point is that they would have no idea of their position in this society. They would not know what race they would belong to, nor whether to be born as a boy or a girl.9) Ein weiterer moralischer Philosoph (John Rawls) versuchte mit folgendem Beispiel etwas über eine gerechte Gesellschaft auszusagen: Man stelle sich vor, man sei ein Mitglied eines angesehenen Rates mit der Aufgabe, alle Gesetze für eine zukünftige Gesellschaft festzulegen. Die Ratsmitglieder müssten jedes einzelne Detail bedenken, denn sobald sie sich geeinigt hätten - und jeder die Gesetze unterschrieben hätte - fielen sie alle tot um. Aber sie würden sofort wieder in der Gesellschaft zum Leben erwachen, deren Gesetze sie bestimmt haben. Der Punkt ist, dass sie nicht vorher wüssten, welche Stellung sie dann in der Gesellschaft hätten. Sie wüssten nicht, welcher sie Rasse sie angehören würden, oder ob sie als Junge oder als Mädchen zur Welt kämen.
10) That society would be a just society simply because it would have arisen among equals. Now, to make this illustrating parable even more adequate in a modern society, it is important to add one supposition: The members of the council would have no idea in what period of time they would live their lives in the new society they were all equally responsible for. It could be immediately from the year zero. Or it could be in five hundred years.10) Diese Gesellschaft wäre eine gerechte Gesellschaft, ganz einfach weil sie aus Ebenbürtigen geboren wäre. Um diese veranschaulichende Parabel nun noch besser einer modernen Gesellschaft anzupassen, muss man eine weitere Annahme hinzufügen: Die Ratsmitglieder hätten nicht die geringste Ahnung, zu welcher Zeit sie ihr Leben in der neuen Gesellschaft verbringen würden, für die sie allesamt verantwortlich sind. Es könnte gleich von dem Jahr Null an sein. Oder auch in fünfhundert Jahren.
11) Is our global society today such a just — and sustainable — society? Would we dare to be born in the middle of the next century? Would we dare to share fortune with our own children and grandchildren?11) Ist unsere globale Gesellschaft heute solch eine gerechte - und zukunftsfähige - Gesellschaft? Würden wir es wagen, in der Mitte des nächsten Jahrhundert zur Welt zu kommen? Würden wir es wagen, unser Schicksal mit unseren eigenen Kindern und Enkeln zu teilen?
12) How about our ethical horizon? In the end it is a question of our own identity. What is a human being? And who am I? If I were just myself alone, I would be a creature without hope. But I have a more profound identity than that of my own body and my short time on earth. I am part of — and I take part in — something greater and mightier than myself. India’s former president Radakrishnan expressed it this way: “You shall love your neighbour as yourself, because you are your neigbour. It’s an illusion that leads you to believe that your neighbour is something different from yourself.” And we might add: Is it not an illusion that makes us believe that nature on this planet is something different from ourselves?12) Wie steht es mit unsere ethischen Horizont? Letzten Endes ist es eine Frage nach unserer eigenen Identität. Was ist ein Mensch? Und wer bin ich? Wäre ich nur ich selbst, ganz allein, wäre ich ein Geschöpf ohne Hoffnung. Aber ich habe eine tiefere Identität als nur die meines Körpers und meiner kurzen Lebenszeit. Ich bin ein Teil von - ich nehme teil an - etwas Größerem und Mächtigeren als mir selbst. Indiens ehemaliger Präsident Radakrishnan drückte es folgendermaßen aus: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, denn du bist dein Nächster. Eine Einbildung macht dir glauben, dass dein Nächster etwas anderes ist als du selbst." Und wir könnten hinzufügen: Ist es nicht eine Einbildung, die uns glauben machen will, die Natur dieses Planeten sei etwas anderes als wir selbst?
13) But we do not need to travel all the way to India to encounter this deeper sense of identity. All we need is reviving the old peasant code of ethics. It was an unwritten rule that the farmer should hand over the farm in a better state than the state it was in when he inherited it.13) Aber wir müssen gar nicht bis nach Indien reisen, um auf diesen tieferen Sinn der Identität zu stoßen. Wir müssen nur den alten Bauernkodex der Ethik wiederbeleben. Eine ungeschriebene Regel besagte, dass der Bauer den Hof in einem besseren Zustand weitergeben sollte, als er ihn selbst bekommen hatte.
14) III It has been said that spaceship Earth’s weakness is that it was not provided with an instruction manual. But this statement is no longer true. We know that we are on a collision course with nature’s capacity to tolerate, and we do know in which direction our bearing must be altered. Also, do we not perceive that there is something about our very economical system that is on a collision course with the planet’s ability to shoulder the burden? Don’t we realize that some aspects of world economy today simply are at odds with limits set by nature? Far too many decisions put emphasis on short-term profit for small groups without considering what would be a just division of the earth’s resources.14) III. Man hat gesagt, die Schwäche des Raumschiffs Erde sei, dass es nicht mit einer Gebrauchsanleitung geliefert ist. Aber dieser Ausspruch stimmt nicht mehr. Wir wissen, dass wir auf einem Kollisionskurs mit dem Toleranzvermögen der Natur sind, und wir wissen, in welche Richtung wir unser Verhalten ändern müssen. Nehmen wir nicht auch wahr, dass etwas an unserem ganzen Wirtschaftssystem auf Kollisionskurs ist mit der Fähigkeit des Planeten, die Last auf sich zu nehmen? Erkennen wir nicht, dass manche Aspekte der heutigen Weltwirtschaft schlicht im Konflikt mit den Grenzen der Natur stehen? Viel zu viele Entscheidungen betonen kurzfristigen Profit für kleine Gruppen, ohne zu berücksichtigen, was eine gerechte Aufteilung der Erdressourcen wäre.
15) It is often said that the ideologies are dead and some ideologies certainly are. But isn’t the ideology of consumption also an ideology? And isn’t it the only alternative really? If Western culture should succeed in exporting its consumer ideology — for instance to Africa, India, China and South East Asia — we will unavoidably be heading towards a global catastrophe. Yes, the catastrophe is already a reality in many places. As a species, mankind has been so successful that it threatens the foundation of its own existence.15) Oft wird gesagt, dass die Ideologien tot sind, und manche Ideologien sind das auch sicherlich. Aber ist nicht die Konsumideologie auch eine Ideologie? Und ist sie nicht eigentlich die einzige Alternative? Wenn es der westlichen Kultur gelingen sollte, ihre Verbraucherideologie zu exportieren - beispielsweise nach Afrika, Indien, China oder Südostasien - werden wir unausweichlich auf eine weltweite Katastrophe zusteuern. Ja, die Katastrophe ist mancherorts schon Wirklichkeit. Die Menschheit als Art ist so erfolgreich geworden, dass sie die Grundlage ihrer eigenen Existenz bedroht.
16) IV The burning question as we enter the third millennium has to be: What change of consciousness is needed? What is a sustainable wisdom? Which qualities of life are the most important? Which values are the real values – and which values are sustainable? What is a good life? And not least: What kind of mass mobilization is needed – and possible – in the “global village”?16) IV Jetzt, da wir die Schwelle zum 3. Jahrtausend überschreiten, muss die brennende Frage sein: Welche Bewusstseinsänderung ist notwendig? Welche Weisheiten sind aufrechtzuerhalten? Welche Lebensqualitäten sind die wichtigsten? Welche Werte sind die wahren Werte – und welche sind zukunftsfähig? Was ist ein gutes Leben? Und nicht zuletzt: Was für eine Massenmobilisierung ist nötig – und möglich – im „Globalen Dorf”?
17) The question is no longer whether we need new global ethics, but how to achieve an “ethics for the future”, or more precisely: how can such new ethics be internalised and thereby force a new political direction?17) Die Frage lautet nicht mehr, ob wir eine neue globale Ethik brauchen, sondern wie man eine „Ethik für die Zukunft“ erreicht, oder genauer: Wie kann eine solche neue Ethik verinnerlicht werden und dadurch eine neue politische Richtung erzwingen?
18) It is an old saying that a frog dropped in boiling water will immediately leap out of danger. However: If the frog is placed in cold water that is gradually heated, the frog, lazily enjoying the comfortable temperature, will not perceive the danger and be boiled to death. Is this generation such a frog? I don’t know, but it is actually up to us to prove. And we can not rely on any external help. 18) Ein altes Sprichwort besagt, dass ein Frosch, der in kochend heißes Wasser geworfen wird, sich sofort in Sicherheit bringt. Wenn der Frosch jedoch in kaltes Wasser gesetzt wird, das allmählich erwärmt wird, genießt er faul die angenehme Temperatur, erkennt nicht die Gefahr und wird zu Tode gekocht. Ist diese Generation ein solcher Frosch? Ich weiß es nicht, aber es ist an uns den Beweis anzutreten. Und wir können uns dabei nicht auf fremde Hilfe verlassen.
19) We have learnt to be angry – and to react spontaneously – when someone hits a person or an animal, because respect for human and animal rights is pertinent to learning, for the individual as well as for the generation. Has a similar faculty of reaction still to be learnt when the biological diversity and the well-being of future generations are affected?19) Wir haben gelernt wütend zu sein – und spontan zu reagieren – wenn jemand eine Person oder ein Tier schlägt, weil Achtung der Menschen- und Tierrechte wichtig für das Lernen ist sowohl für den Einzelnen als auch für die ganze Generation. Muss eine Fähigkeit ähnlich zu reagieren erst noch erlernt werden, wenn die biologische Vielfalt und das Wohlergehen von zukünftigen Generationen beeinträchtigt werden?
20) Today many people have a pretty high level of understanding for the challenges facing this world. Many may even have what may be called a global awareness – or an ecological conscience. But many feel paralysed by the political system itself. Politicians also realize far more than is shown in practice. And this is the virtual paradox: We have sufficient insight – and we do know we are running out of time – but we do not manage to turn things around before it is too late. Or can we manage it after all?20) Heute haben viele Menschen ein ziemlich großes Verständnis für die Herausforderungen, denen diese Welt gegenüber steht. Viele mögen sogar das haben, was man als globales Bewusstsein bezeichnen kann – oder als umweltbewusstes Gewissen. Aber viele fühlen sich vom politischen System selbst gelähmt. Auch Politiker erkennen viel mehr, als sich in der Praxis zeigt. Und das ist das eigentliche Paradoxon: Wir haben genug Einsicht – und wir wissen wirklich, dass uns die Zeit ausgeht – aber wir schaffen es nicht, die Dinge umzuwenden, bevor es zu spät ist. Oder können wir es doch noch schaffen?
21) When Churchill was appointed Prime Minister of Great Britain in May 1940 and the German military powers were advancing towards the English Channel he said the following in the House of Commons: “I have nothing to offer but blood, toil, sweat and tears.” The astonishing fact was that he managed to mobilize the nation – despite his highly depressing political message. The reason was of course that people saw the great danger facing them. Today we are facing an even greater and more looming danger – namely the collapse of the planetary environment. But what has become of political courage today? Where is the political drive? What politicians dare ask for a little sweat and tears in order to achieve a new and essential political course, simply to save the future of our children, the human civilization – and not to forget – our human dignity.21) Als Churchill im Mai 1940 zum Premierminister von Großbritannien ernannt wurde und das deutsche Militär in Richtung auf den Ärmelkanal vorrückte, sagte er vor dem Unterhaus folgende Worte: “Ich habe nichts zu bieten außer Blut, Mühsal, Schweiß und Tränen.” Erstaunlich war die Tatsache, dass er das Land mobilisieren konnte – trotz seiner höchst bedrückenden politischen Botschaft. Der Grund dafür war natürlich, dass die Menschen die große Gefahr sahen, in der sie sich befanden. Heute stehen wir einer noch größeren und bedrohlicheren Gefahr gegenüber – nämlich dem Kollaps der Umwelt dieses Planeten. Aber was ist heute aus politischem Mut geworden? Wo ist der politische Schwung? Welcher Politiker wagt es, nach etwas Schweiß und Tränen zu fragen, um einen neuen und lebenswichtigen politischen Kurs zu erreichen, einfach um die Zukunft unserer Kinder, der menschlichen Zivilisation und – nicht zu vergessen – unsere Menschenwürde zu retten.
22) In November 1942 when the nation’s suffering was at its worst Churchill spoke out again: “This is not the end. It is not even the beginning of the end. But it is perhaps the end of the beginning.” And once again he succeeded to encourage the people in their precarious defensive war.22) Im November 1942, als das Leiden des Landes am Schlimmsten war, äußerte sich Churchill wieder: „Dies ist nicht das Ende. Es ist noch nicht einmal der Anfang des Endes. Aber vielleicht ist es das Ende des Anfangs.“ Und wieder einmal gelang es ihm, die Menschen in ihrem verzweifelten Verteidigungskrieg zu ermutigen.
23) Let us hope – and believe – that we are drawing near the end of the beginning of our precarious fight for protection of the environment and a more fair division of the earth’s resources! It’s no option to be a pessimist concerning the future of this planet. Pessimism is nothing but an immoral attitude towards life. And hope – hope is fighting against all odds.23) Lasst uns hoffen – und glauben, - dass wir dem Ende des Anfangs unseres schwierigen Kampfes um Umweltschutz und eine gerechtere Verteilung der Ressourcen der Erde näher kommen! Wenn es um die Zukunft dieses Planeten geht, gibt es nicht die Option, Pessimist zu sein. Pessimismus ist nichts weiter als eine unmoralische Haltung dem Leben gegenüber. Und Hoffnung – Hoffnung bekämpft alles Übel.
24) One of the most important questions as we turn the millennium page is this: How can we bring a young generation to believe in – and fight for – a sustainable future? What visions can we bring to a new generation?24) Wenn wir mit der Jahrtausendwende ein neues Kapitel aufschlagen wollen, lautet eine der wichtigsten Fragen: Wie können wir eine junge Generation dazu bringen, an eine nachhaltige Zukunft zu glauben – und dafür zu kämpfen? Welche Visionen können wir einer neuen Generation mitgeben?
25) Will they understand that future is not something that just occurs – or comes by itself. The day of tomorrow is something we create this very moment. Many people today feel like spectators to the global events. But we are all actors.25) Wird die neue Generation verstehen, dass Zukunft nicht etwas ist, das einfach geschieht – oder von selbst kommt? Der morgige Tag ist etwas, das wir genau in diesem Moment erschaffen. Heute fühlen sich viele Menschen nur als Zuschauer des weltweiten Geschehens. Aber wir alle sind Akteure.

Online teilnehmen